Es ist keine Frage: Der große Schatten auf dem Leben des Petrus Canisius ist es, dass er als einer der wirkmächtigsten Prediger seiner Zeit die Kanzel auch dazu genützt hat, seine Zuhörer immer und immer wieder vor der angeblichen Allgegenwart der teufelsbündlerischen Hexensekte zu warnen. Er selbst war geradezu besessen von der Angst vor Hexen und warf ihnen nicht zuletzt heimtückische Kindermorde und sogar Kannibalismus vor. Nach seiner Überzeugung arbeiteten sie an der Zerstörung der menschlichen Gesellschaft. Das Fatale war, dass dieser Hexenglaube nicht nur sein persönlicher Glaube, sondern damals allgegenwärtig war. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass der Glaube an (schwarz-)magisch begabte Menschen und die Furcht vor Hexen im 16. Jahrhundert von praktisch allen Zeitgenossen geteilt wurde.

Nicht zuletzt wegen der massiven Klimaverschlechterung in dieser Zeit, die mit massiven Missernten und Hungersnöten einherging, wuchs sich diese Angst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gerade im deutschsprachigen Raum zu einer regelrechten Hysterie aus. Traurigerweise hat Petrus Canisius diese anschwellende Dynamik vornehmlich in den 1560er Jahren mit seinen Predigten mitgetragen und gerade im süddeutsch-bayerischen Raum verstärkt. Die 1560er Jahre waren wohlgemerkt noch nicht von umfangreichen Hexenverfolgungen geprägt; Petrus Canisius selbst hat den Ausbruch einer Massenverfolgung und die damit verbundenen katastrophalen Prozesse nie direkt miterlebt. Er hat quasi vom pseudotheologischen-dämonologischen Elfenbeinturm aus über die angeblichen Hexen geredet und keinen Eindruck von der Realität einer konkreten Hexenverfolgung gehabt. Als die großen süddeutschen Hexenverfolgungen in den 1580er und 1590er Jahren stattfanden, war er bereits seit vielen Jahren im schweizerischen Fribourg. Er musste selbst nicht direkt miterleben, was er Jahre zuvor für einen giftigen Samen mitgesät hatte. – Er schwamm mit im gesellschaftlichen Konsens seiner Zeit, der, wie wir heute wissen, ein kapitaler Irrtum war.

Klar ist also: Er hat mit den hexentheoretischen Auslassungen in seinen Predigten großen praktischen Schaden in den Köpfen vieler Menschen angerichtet und die Panik noch befeuert, die in den katastrophalen Verfolgungen am Ende des 16. Jahrhunderts ihren Höhepunkt finden sollte. Was all das noch trauriger macht: Er hätte es besser wissen können. Seine Oberen im Jesuitenorden haben ihn mehrfach davor gewarnt, sich seiner Faszination und Furcht vor dämonischen Dingen weiter zu widmen. Das war ihrer Meinung nach „unjesuitisch“. Erst auf massiven Druck seines Ordensgenerals hat er sich von seinem Engagement in diesen Dingen ab den ausgehenden 1560er Jahren zusehends zurückgezogen.

Was heißt das für die Einordnung des „historischen“ Petrus Canisius? – Zuerst einmal ganz schlicht: Er war ganz ein Kind seiner Zeit. Das entschuldigt nichts, erklärt aber einiges. Dann: Er war nicht aus sadistischen, frauenfeindlichen oder anderen böswilligen Gründen für die Hexenverfolgungen, sondern aus einer subjektiv ehrlich empfundenen tiefen Angst vor dämonischen und hexischen Kräften. An seiner Verantwortung ändert das nur wenig. – Für die Einordnung des „heiligen“ Petrus Canisius heißt das nicht zuletzt, dass sein Leben dazu herausfordert, Heiligkeit anders zu denken, als es gerade im katholischen Milieu oft einengenderweise noch üblich ist: nicht als kirchliche Höchstbewertung eines einwandfreien moralischen Lebens.

Heiligkeit ist kein nachträglicher kirchlicher Persilschein für ein menschliches Leben, sondern die Überzeugung, dass in einem solchen menschlichen Leben auch dann Gott auf vielfältige Weise gut und heilsam gewirkt hat, wenn manches in diesem Leben ungut und sogar zerstörerisch gewesen ist: Ein Heiliger mit einer (auch) gebrochenen Biographie wie Petrus Canisius ist auf diesem Hintergrund eine wichtige Lektion und Erinnerung daran, dass die christliche Berufung zur Heiligkeit auch dann gelingen kann, wenn es in einer Biographie auch sehr Fragwürdiges gibt. – Er fordert uns mit seinem beeindruckenden, aber auch von Schuld durchzogenem Leben dazu heraus, unsere oft allzu moralisierende und perfektionsorientierte Vorstellung von Heiligkeit zu überdenken. Vielleicht brauchen wir sogar heute Heilige mit Fehlern mehr denn je, um nicht in die Falle einer unchristlichen Heiligenverehrung zu tappen, die aus Heiligen moralische Superhelden macht…

P.S.: Ausführlicheres dazu in meinem neuen Buch „Petrus Canisius. Wanderer zwischen den Welten“ [erscheint im Tyrolia-Verlag im März 2021].

DDr. Mathias Moosbrugger Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Innsbruck

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