Stellvertretend für alle Christen Ein Interview mit Dr. Manfred Becker-Huberti

Pünktlich zum Dreikönigsfest am 6. Januar sind auch die Figuren der Heiligen Drei Könige in den Krippen zu finden. Was es mit diesem Brauch auf sich hat, verdeutlicht der Experte für religiöse Volkskunde, Dr. Manfred Becker-Huberti, im Gespräch.

In „normalen“ Krippendarstellungen sind die Heiligen Drei Könige oft „irgendwann einfach da“, ohne dass man ihren Weg wahrnimmt. Kann man sie dennoch als Pilger bezeichnen?

Dr. Becker-Huberti: Manche stellen die Heiligen Drei Könige zum 1. Advent auf und lassen sie jeden Tag der Krippe näher kommen. Sie erscheinen erst zum 6. Januar an der Krippe, weil sie noch auf der Suche sind. Pilger sind sie mehrfach: Auf dem Weg zur Krippe, als Reliquien auf dem Weg nach Konstantinopel, dann nach Mailand und schließlich nach Köln. Sie gelten sogar als die Patrone aller Pilger.

Warum ist es dem Evangelisten Matthäus wichtig, dass sie aus dem Morgenland kommen? Und nicht aus Spanien oder Nordafrika?

Dr. Becker-Huberti: Die Magier aus dem Osten belegen, dass die intellektuellen Nichtjuden eher die Geburt des Messias wahrnehmen als die entsprechenden Juden, die – als sie die vermeintliche Gefahr erkennen – auf Mord aus sind. Die ersten Nichtjuden an der Krippe stehen für alle Nichtjuden, die zu Christen wurden. Später werden die Heiligen Drei Könige differenziert: nach Alter, nach Kontinenten. Sie bekommen Namen und werden als Könige bezeichnet, weil das Alte Testament von Königen spricht, die Gold nach Jerusalem bringen.

Die Heiligen Drei Könige kommen ja immer mit ein bisschen Verspätung zur Krippe. Sind sie nur ein „Anhängsel“?

Dr. Becker-Huberti: Nein, denn ihre Geschenke deuten die Natur des Neugeborenen aus: Das Gold bezeugt ihn als Herrn der Welt, Weihrauch zeigt auf seine göttliche Natur, Myrrhe weist darauf hin, dass er den Opfertod sterben wird. Die drei stehen aber auch für alle Christen, die auch gerne an der Krippe gestanden hätten. Deshalb hat sich der Topos des „vierten Königs“ gebildet, die Vorstellung, jemand hätte versucht, sich den Heiligen Drei Königen auf ihrem Weg zur Krippe anzuschließen. Unter anderem gibt es dazu eine wunderschöne russische Legende und in Italien das Brauchtum der Dreikönigshexe „Befana“ – verballhornt für Epiphanie.

 

Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti ist katholischer Theologe, Experte für religiöse Volkskunde, Autor und Honorarprofessor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. www.becker-huberti.de

Interview: Stefan Schneider

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