Eine Herausforderung für alle gesellschaftlichen Kräfte,

aber auch für den Einzelnen

 

Über Franz von Assisi (1181/82–1226) wird erzählt, dass er dem Bruder Gärtner die Anweisung gab, im Garten nicht alles Unkraut auszujäten, sondern etwas davon in einem kleinen Eck wachsen zu lassen. Das Unkraut soll so auch seinen Platz bekommen, war sein Anliegen.

 

Eine bemerkenswerte Begebenheit. Sie ist mir spontan zum Thema Toleranz eingefallen. Toleranz, tolerieren, vom Lateinischen tolerare bedeutet ertragen, erdulden, aushalten, aber auch zulassen. Tolerant sein heißt dann: Standpunkte und Aktionen anderer, die ich selber nicht teilen kann, aushalten und auch zulassen. Vorausgesetzt sie schaden niemand ernsthaft. Das heißt nicht, dass ich mich nicht damit auseinandersetze und darüber streite, denn Toleranz heißt ja nicht Indifferenz und Beliebigkeit.

 

 

Toleranz hat ihr Fundament im Respekt vor der Würde jedes Menschen. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang auf etwas hinzuweisen, das fast schon wieder banal klingt, nämlich: Toleranz beginnt immer bei mir selber, und zwar beim Kennenlernen der eigenen toleranten und intoleranten Seiten. Tolerant sein mit anderen kann nur jemand lernen und leben, der selbst Toleranz gegenüber den eigenen Eigenarten erlebt hat, und vor allem jemand, der sich selbst mit seinen (scheinbaren oder tatsächlichen) „Defiziten“ und „Mängeln“ toleriert und auch seine eigenen Fähigkeiten und Stärken sehen und leben kann. Kurzum: Ich kann nur dann mit anderen tolerant sein, wenn ich es auch mit mir selber bin.

 

Das Unkraut, das die meisten immer zuerst beim anderen sehen, gibt es eben auch in mir selber. Aber wie geht’s mir mit meinen unliebsamen Seiten, mit meinen Grenzen, mit den Widersprüchen, dem Befremdlichen, mit dem inneren „Schweinehund“ und dem Abgründigen in mir? Nehme ich das überhaupt wahr? Bin ich in Kontakt damit? Und kann ich das aushalten? Ja, kann ich es zulassen und da sein lassen? Oder führe ich Krieg gegen mich selbst?Vertuschen und verdrängen als eine weitere Möglichkeit ist im Grunde ein nicht weniger aggressiver Umgang damit. Mich damit auseinandersetzen und an mir arbeiten schließt Respekt und Toleranz nicht aus, sondern ein. Ja es ist sogar die Voraussetzung dafür, denn nur dann kommt auch wirklich etwas in Bewegung, kann sich was ändern und wandeln. Wer sich selber aushält, kann andere aushalten in allem Respekt vor meiner und der Würde anderer Menschen.   

 

Philipp Wahlmüller

 

Quelle: Trialog, Pfarrmagazin des Pfarrverbands Obergiesing, Ausgabe 14.2. bis 10.6.2018

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