Robert Schuman steht gerade im Prozess der Seligsprechung, und auch für Alcide de Gasperi hat die diözesane Phase eines solchen Verfahrens begonnen. Die Gründungsgeschichte der Europäischen Union ist eng mit dem Engagement von Katholiken verbunden. Darauf macht Klaus Welle, Generalsekretär des Europäischen Parlaments, im Interview mit Radio Vatikan aufmerksam.

Herr Welle, wir steuern auf einen Wahlkampf zu. Im Mai 2019 ist Europawahl. Gleichzeitig steht die Idee Europa ein bisschen unter Druck. Wo sind, aus der Sicht des Parlaments, die Herausforderungen, die eine Rolle spielen werden, wenn es darum geht zu wählen?

Klaus Welle: Wir sind uns alle bewusst, dass es Auseinandersetzungen mit Russland gibt, es gibt Schwierigkeiten in der islamischen Welt, es gibt eine veränderte amerikanische Politik zu Europa, aber auch global. Wir haben mit dem Brexit zu kämpfen, und gleichzeitig wissen wir, dass die europäische Einigung die beste Form ist, mit solchen Herausforderungen umzugehen und weiterhin selbstbestimmt zu leben.

Warum funktioniert das denn nicht? Es gibt ja immer mehr Tendenzen weg vom Gemeinsamen hin zu Nationalem, hin zu populistischen Nationalismen. Wenn die Chance im Gemeinsamen liegt, warum ist das Gemeinsame dann nicht attraktiv?

Klaus Welle: Es ist nicht so, dass es nicht in der Vergangenheit auch schwierig gewesen wäre. Eigentlich gab es in jedem Jahrzehnt eine große Herausforderung. In den 50er Jahren mussten sich Deutsche und Franzosen verständigen, was schwierig war. In den 60er Jahren hat De Gaulle die Politik des Leeren Stuhls betrieben, in den 70er Jahren war die Debatte über Eurosklerose, in den 80er Jahren wollte Margaret Thatcher ihr Geld zurück. In den 90er Jahren haben wir uns bemüht, eine gemeinsame Währung einzuführen mit viel Skepsis. In den 2000er Jahren gab es dann die große Finanzkrise. Also, es gab immer Herausforderungen.

Die Frage ist, ist die jetzige Generation bereit, diese Zusammenarbeit zu erneuern? Wir sehen, dass es dazu eigentlich keine Alternative gibt. Die Welt wird gefährlicher, die Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten werden deutlich schärfer, wie wir gerade sehen zwischen den USA und China. Die Europäer können eigentlich nur gemeinsam diese Herausforderungen bestehen.

Wie werben Sie für Demokratie in Europa?

Klaus Welle: Man muss auf der einen Seite die große historische Perspektive aufzeigen, aber man darf nicht aus dem Alltag flüchten. Also man muss auch begründen, warum wir etwas konkret tun, um Lebensverhältnisse von Menschen zu verbessern. Das muss zusammengehen. Wir bereiten konkret für die Europawahl Leistungsbilanzen vor, für 1.400 verschiedene Städte, Gemeinden, Regionen in der Europäischen Union, wo wir konkret sagen, was haben wir für diese Stadt, für diese Region getan als Europäische Union. Es gibt viele gute Geschichten, die man erzählen kann. Wir bereiten auch 400 Geschichten zu Sachthemen vor. Was tun wir gegen Diabetes? Was tun wir für Leute, die gerne Fußball im Ausland gucken möchten? Die praktische Relevanz im Alltag ist gleichberechtigt zur großen Mega-Erzählung von Frieden und Selbstbestimmung.

Auch vom Papst gab es ja Lob für die europäische Idee des Friedensprojektes und die Pflege der europäischen Traditionen. Es gab allerdings auch ein bisschen Kritik. Ist von dem, was der Papst den Abgeordneten gesagt hat, etwas hängen geblieben?

Klaus Welle: Das war ein sehr eindrucksvoller Besuch. Der Papst hat mit seinem Besuch auch deutlich gemacht, wie wichtig ihm die europäische Demokratie ist. Er hat das Europäische Parlament besucht und zu allen Abgeordneten gesprochen. Ich glaube, wir haben etwas gemeinsam, nämlich die Erkenntnis, dass wir Dialog brauchen, Verständigung, Kompromiss – und dass radikale Lösungen am Ende keine Lösungen sind. Insofern ist Europa ein Friedensprojekt, auch in der Art und Weise, wie wir versuchen, Konflikte zu lösen.

Gibt es einen genuin päpstlichen, religiösen Beitrag, der bei diesem Projekt geleistet werden könnte?

Klaus Welle: Die Gründungsgeschichte der Europäischen Union ist ja nicht zu trennen von dem Engagement von Katholiken. Robert Schuman steht ja im Prozess der Seligsprechung. Auch Alcide de Gasperi ist sehr anerkannt von der katholischen Kirche in seinem katholischen Wirken. Auch aus katholischer, christlicher Überzeugung heraus haben sie ihr Engagement entwickelt, auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Das ist Teil unserer DNA, unserer Geschichte, dessen, dass wir glauben, dass nicht Nationalismus ein Weg ist, sondern Kooperation, Kompromiss, Konsens. Dass die Achtung des Menschen in seiner persönlichen Würde die Basis sein muss für Politik und europäisches Engagement.

Das Interview führte Pater Bernd Hagenkord.

Quelle: www.vaticannews.va/, 19. November 2018, In: Pfarrbriefservice.de

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