Ja, doch, trotz allem bist du, Herr, mein Vater

„Advent in Ängsten“ (ohne Fragezeichen) habe ich gestern in einer Schlagzeile gelesen. Ist das so? Fühlst du es so? Ich glaube das nicht. Denn gerade die Liturgie im Advent bietet so viele tröstende, aufbauende, stärkende Texte.

In der Lesung aus Jesaja am ersten Adventsonntag heißt es: „Doch nun, Herr, bist du unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände“ (Jes 64,7).

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor Jahrzehnten im Basar von Kairo fasziniert einem Töpfer zugeschaut habe, wie er aus einem Klumpen Ton wunderbare Werke fabrizierte. Am Ende seiner Arbeit stand ein Kunstwerk da, das noch bemalt und gebrannt werden musste. Unsere Mütter und Väter im Glauben in Israel, für die der Prophet das geschrieben hat, wollten das sein: Ton in den Händen des Töpfers, in den Händen Gottes. In einem langen Klagegebet trauern sie über ihr Schicksal, ihre Verlassenheit, den Untergang ihrer Heimat, über das bittere Gefühl, dass Gott fern ist. Hinter der Klage steckt die Sehnsucht, dass Gott sich wieder „melden“ würde. Dass er wieder als „Vater“ und „Erlöser“ erfahrbar wird., dass er sein Angesicht wieder über ihnen leuchten lassen würde. Unsere Gesellschaft denkt anders als die Menschen damals. Wir möchten selbstbestimmt handeln, uns nicht kneten lassen, möchten aus uns selbst heraus leuchten.

Doch der alte Text erinnert uns daran: Auch in unserer Zeit geschieht vieles, das nicht wir in der Hand haben. Auch in der Dunkelheit und den Ängsten dieser Tage sehnen wir uns nach dem Leuchten von Gottes Angesicht, nach seinem Segen in den Nöten, die uns bedrücken. Wir spüren, dass wir gedreht, verformt werden, wie der Ton in den Händen des Töpfers. Es gehört viel Vertrauen dazu, zu glauben, dass etwas Gutes daraus werden kann. Ich wünsche dir, dass auch du dieses Vertrauen hast oder bekommst, und dass du in dieser Adventzeit sagen kannst: „Ja, doch, trotz allem bist du, Herr, mein Vater!“

Das wünscht dir dein Aushilfspriester Walter

 

Aktuelles aus den Pfarren im Stubaital

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Dezember 15, 2020

Rorate

in Aktuelles im Stubai

by Michael Brugger

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