Östliche Licht- und Schattenspiele

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Wenn man die Feder für einen Leitartikel am Karsamstag ergreift,ist man zunächst geneigt, hymnische Töne anzuschlagen. In den Geschehnissen zwischen Abendmahl und Ostermorgen erreicht die göttliche Erlöserliebe das Ausmaß einer Riesenwoge, die alles zwischen Erde und Himmel ergreift. Die Weltgeschichte hält den Atem an. Das liturgische Jahr ist in seinem Zentrum angelangt. Und die Kirche zieht aus der Nacht der Sünde, die ihre Schatten auch über sie selbst wirft, mit dem stillen Osterlicht in das Heiligtum, das dann zum Lichtermeer wird. Und doch muss ich jetzt die Tonart wechseln – von der erhabenen Feierlichkeit des „Exultet“ der kommenden Nacht in die Sprache einer nüchternen und ernüchternden Bilanz. Die Ostertage haben auch eine weniger erbauliche Seite. Ich meine damit das Verhalten der Zwölf. Dabei rede ich nicht nur von Judas, dem Totalversager. Auch die anderen „Hierarchen“ steigen schlecht aus.

Die betrübliche Bilanz

Schon der erste Akt dieses Trauerspiels ist beklemmend. Bis in das vom großen Abschied überschattete Abendmahl herein schwelt unter ihnen die peinliche Debatte, wer wohl der Größte sei. Und wenn da Worte wie „zur Rechten und zur Linken sitzen“ umgehen, dann handelt es sich dabei nicht um poetische Floskeln, sondern um handfeste Bezeichnungen für politische Führungsplätze. Man träumt von Karrieren in einem „Gottesstaat“, der in etwa der Vorstellung islamischer Fundamentalisten von heute gleicht. Vermutlich wurde die wunder-bare Geste der Fußwaschung von den Jüngern erst viel später verstanden, nicht an diesem Gründonnerstag… Und dann fallen da die heroischen Sprüche von „In-den-Kerker-“ und „In-den-Tod-gehen“, und unter den Mänteln blitzen als Bestätigung dieser heidnischen Entschlossenheit ein paar Schwerter… Vorhang.

Nächste Szene: Ölberg. Trotz eindringlicher Ermahnung schlummern die drei Auserwählten, der innerste Kreis der Vertrauten, während sich die Wolken des Unheils zusammenziehen und der Meister allein ist. Petrus versucht dann bei der Gefangennahme mit der forschen Degenszene gegen Malchus eine Imponiergeste zu setzen. Aber Jesus winkt bei dieser Musketiereinlage ab. Er will keine Gewalt. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Und damit brechen alle Träume der Elf zusammen. Die zukünftige Hierarchie verduftet gemeinsam. Vorhang.

Nächster Auftritt: Portierloge und Vorhof des Kaiphaspalastes. Angesichts des scharfen Blickes einer hohenpriesterlichen Raumpflegerin geht der Apostelfürst in volle Deckung. Und es packt ihn der Schrecken, wie man ihn wegen seiner Aussprache als Galiläer erkennt. (Dazu muss man wissen, dass die gestanden Jerusalemer die Galiläer für Landpomeranzen hielten und über deren Dialekt ihre Witze machten; Belege dafür gibt es in der jüdischen Literatur.) Wie aber irgendein Hilfssheriff der Tempelwache gegenüber Petrus Verdacht schöpft, schmilzt der Fels, auf den die Kirche gebaut werden soll, endgültig dahin – beim flackernden Schein eines Kohlenfeuers. Ein Gockel im Nachbarhof setzt mit seinem Kikeriki den kläglichen Schlusspunkt. Vorhang.

Letzte Szene: Golgota. Die zehn sind untergetaucht. Unter den Hammerschlägen der Kreuzigung zerbrechen auch ihre Hoffnungen auf Sieg, Glanz, Ruhm und Wohlstand ihres Traumreichs mit Rängen, Würden und Karrieren. Nur einer, der Jüngste, hält in diesen Stunden aus. Aber sonst bleibt allen nur die blanke Angst. Wie sie der Auferstandene dann am Osterabend sprechen will, muss er durch schwer verriegelte Türen schreiten. Und die unsichtbaren Sperren für Glaube, Einsicht und Mut bleiben noch lange, bis sie der Pfingststurm wegweht.

Es ist fürwahr eine betrübliche Bilanz. Und nach menschlichem Ermessen wären nach diesen Ostertagen in den Spitzenpositionen der zukünftigen Kirche einige Umbesetzungen fällig gewesen.

Die erstandene Transparenz

Es erhebt sich aber die Frage: Woher wissen wir das alles? Wie sind diese Peinlichkeiten in die heiligen Bücher gerutscht? Das hätte man doch diskret verhindern können. Ich denke gar nicht an massive Lügen und Fälschungen – nein, nur an feinfühlige Verschwiegenheit und rücksichtsvolle Imagepflege.

Die Vorgänge im Abendmahlsaal, das Schlummerstündchen am Ölberg und die Bedeutung des Hahnenschreis waren doch wirklich nur den betroffenen Insidern bekannt. Und so etwas publiziert man für die Jahrtausende? Hat es hier am Krisenmanagement einer geschickt agierenden Pressestelle gefehlt? Waren hier böse Journalisten am Werk? Man hätte doch rücksichtsvollere Kommuniqués formulieren können. Aber offenkundig hat man darauf keinen Wert gelegt. Es gibt für diese schonungslose Darstellung nur eine Erklärung: Die Elf haben sie selbst erzählt. Und so kamen die beschämenden Wahrheiten in die mündlichen Überlieferungsketten und in die schriftlichen Aufzeichnungen.

Die Apostel haben einfach gesagt: So waren wir, leider. Im Markusevangelium, das dem Petrus und seiner Verkündigung besonders nahe steht, kommt der erste Papst betont schlecht weg. Seine Untreue wird in allen Einzelheiten geschildert. Das bestätigt jenes Phänomen, das ich die „erstaunliche Transparenz“ nennen möchte. Dass eine derartige Vorgangsweise nicht gerade selbstverständlich ist, brauche ich nicht näher auszuführen. In Kirche und Welt hat sich eine hohe Kunst kryptisch-besänftigender Aussagen für peinliche Wahrheiten durchgesetzt. Ein prominenter Vertreter eines sehr autoritätsbewussten Kirchenbildes hat einmal wörtlich zu mir gesagt: „Wenn die Kirche etwas falsch gemacht hat, darf sie es nie zugeben…“ Das bedarf keines weiteren Kommentars. Es widerspricht dem Gebot Gottes und – wie eben dargelegt – dem Geist des Evangeliums. Nur die Wahrheit macht frei, auch wenn sie bitter ist.

Die Morgenstunde der Großmut

Ostern schließt aber nicht mit diesen Schattenspielen menschlicher Kleinkariertheit. Es kommt die Stunde – und jetzt darf ich wieder in den beschwingteren Sprachstil verfallen - in der die aufgehende Sonne über dem See von Genezareth die Morgennebel zerteilt und am Ufer ein Kohlenfeuer glimmt (wieder ein Kohlenfeuer wie im Vorhof des Hohenpriesters) und der Auferstandene zu eben diesem Petrus sagt „Liebst du mich?“ Und die aufsteigende Trauer des Angeredeten mit den Worten wegfegt: „Weide meine Lämmer!“

Und es kommt die Stunde, in der die Elf (dieselben, die bei Gethsemani Fersengeld gegeben haben) auf dem Gipfel eines Berges in Galiläa stehen, mit dem weiten Blick über Land und See, und die Worte hören: „Geht hinaus in alle Welt, und lehrt alle Völker…“ Dies galt demselben Petrus und denselben Aposteln – und doch nicht denselben. Sie waren bescheidener geworden. Frömmelndes Würdegehabe war ihnen zeitlebens ebenso fremd wie autoritäre Herrschsucht. Aber die drei Dinge gehören zusammen: die betrübliche Bilanz, die erstaunliche Transparenz und die überwältigende Großmut des Herrn. Das gilt auch für heute und immer.

 

Bischof Reinhold Stecher in der TT, Ostern 1995

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